Deutsch-Französischer Austausch mit dem Elsass

Kämpfer gegen die deutsch-französische Sprachlosigkeit

Martin Graff berichtet in der Georg-Kerschensteiner-Schule vom Elsass, wo sich das Deutsche und das Französische so nahe kommen wie nirgends sonst.

Do, 28. April 2016
Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.
von: Beatrice Ehrlich

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Eineinhalb Stunden lang unterhielt Martin Graff die Schüler mit wahren und doch oft unglaublichen Geschichten von dies- und jenseits des Rheins auf Deutsch, Französisch und Elsässisch. Foto: Beatrice Ehrlich

 

MÜLLHEIM. Ein zorniger alter Mann trifft Schüler in Müllheim. Auf Einladung von Religionslehrer Rolf Kannen war in der vergangenen Woche der Autor, Kabarettist und Filmemacher Martin Graff in der Georg-Kerschensteiner-Schule zu Gast. Der selbsternannte „Elsässer Dinosaurier“ und unermüdliche Lobbyist in Sachen deutsch-französische Verständigung legt einen temperamentvollen Start hin. Bei seiner Geburt zufällig auf die französische Seite des Rheins gefallen, habe er spätestens durch seine Freundin aus Hinterzarten die deutsche Seite lieben gelernt.
In seinem unablässigen Redefluss wechselt Graff scheinbar unbemerkt vom Deutschen ins Französische und manchmal auch in den elsässischen Dialekt. Sorgfältig vor sich aufgereiht – wie Trophäen – hat er Karikaturen und Zeitungsartikel, Bücher und DVDs: Zeugnisse jahrzehntelangen, rastlosen Wirkens im Zeichen der deutsch-französischen Brüderschaft. Es ist eine andere Art von Mission, die sich der Mann, von Haus aus evangelischer Pfarrer, auf die Fahnen geschrieben hat: das friedliche Zusammenleben in einer Region, die über Jahrhunderte, besonders aber in den beiden Kriegen des 20. Jahrhunderts, durch die Grenzlage viel Leid erfahren hat.
In der Nähe seines Dorfes, Soultzeren im französischen Münstertal, könne noch heute jederzeit im Wipfel einer Tanne eine der vielen liegen gebliebenen Granaten explodieren, erklärt er den erstaunten Schülern. Er zeigt alte Aufnahmen vom Verlauf der deutsch-französischen Front: Für ihn, Jahrgang 1944, hallen die Detonationen der Geschütze und der einrollenden Panzer – und sei es aus den Erzählungen der Eltern – noch nach, für die Müllheimer Zwölftklässler und Berufsschüler ist das von ihrem Leben weit entfernt. Dennoch hören sie aufmerksam zu.
Auf Nachfrage des Lehrers, der das Thema deutsch-französische Versöhnung übertragen wissen möchte auf den Umgang mit eingewanderten Bürgern in heutiger Zeit, findet Martin Graff klare Worte: Die déclaration des droits de l’homme – die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte – sei nie in die Wirklichkeit umgesetzt worden, wettert er. Schon immer hätten die Franzosen sich schwergetan damit, andere Zugehörigkeiten zu verstehen. Die Hoffnung und der Aufstiegswille der ersten Einwanderergeneration habe sich nicht auf viele ihrer Kinder und Enkel übertragen, die heute von den Vorstädten aus gegen den französischen Staat rebellierten.
In Deutschland sei die Integration besser gelungen, lobt er, dessen föderalistisches System hält er gegenüber dem französischen Zentralstaat für geeigneter dafür. Viel Lob findet er für den Umgang mit der Flüchtlingskrise in Deutschland, die Bereitschaft zum Teilen und die freundliche Haltung vieler Bürger. „Wenn ich mir vorstelle, eine Million Flüchtlinge würden jetzt nach Frankreich kommen, ich glaube, es gäbe einen Bürgerkrieg“, resümiert er bitter.

Es bleibt das Bild eines Mannes, der fassungslos mit ansehen muss, dass sich nach dem offiziellen Wegfall der Schlagbäume und Grenzkontrollen in jüngster Zeit eine zwar unsichtbare, aber dafür umso unüberwindlichere neue Grenze zwischen beiden Seiten des Rheins aufbaut. Schuld daran: die zunehmende Unkenntnis der „Sprache des Nachbarn“. Obwohl man nur wenige Kilometer entfernt wohne, bleibe man im Gegensatz zu früher den anderen gegenüber oft sprachlos und fremd. Als Beispiel nennt er junge Arbeitslose im Elsass, die lieber Jahre mit Nichtstun vergehen lassen, als ein paar Kilometer weiter östlich in Freiburg einen Job zu suchen – die deutsche Sprache, die ihren Vorfahren noch in Form des elsässischen Dialekts in die Wiege gelegt wurde, erscheint ihnen unerreichbar.
Aber es gibt auch Lichtblicke: Die vielen deutsch-französischen Ehen seien der lebendige Beweis dafür, dass die Verständigung eben doch klappt. Deren Kinder, die zweisprachig aufwachsen, sieht Graff als Beispiele für eine neue, mehrsprachige europäische Elite – einen konkreten Schritt zum Miteinander nicht nur entlang des Rheins, sondern europaweit.