Ein Mentor für Hochtechnologie

Sa, 09. Juni 2012
Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.
von: Gabriele Babeck-Reinsch

In der Holzplatte steckt der Lautsprecher, den Jacqueline Obenauer und Johann Neumann unter den interessierten Blicken von Jonny B. (links) und Helmut Bäuerle versuchen, in den Schrank einzusetzen. Foto: Babeck-Reinsch
In der Holzplatte steckt der Lautsprecher, den Jacqueline Obenauer und Johann Neumann unter den interessierten Blicken von Jonny B. (links) und Helmut Bäuerle versuchen, in den Schrank einzusetzen. Foto: Babeck-Reinsch

Das Müllheimer Steinbeis-Institut gibt zwölf Schülern der Kerschensteiner-Schule auf Schloss Bürgeln ein großes Forum.

MÜLLHLEIM. Gut, wenn technisch talentierte Menschen auch einen Sinn für ihre Umgebung haben. Sonst wäre Armin Bäuerle 2003 wohl nicht mit seinem Steinbeis Transferzentrum ins schöne Markgräflerland gekommen. Dass der Diplomingenieur darüber hinaus sein Wissen und Knowhow an junge Leute weitergibt, davon profitiert konkret die Georg-Kerschensteiner Schule. In Zukunft könnten es aber Müllheim und die ganze Region sein.

Auf Schloss Bürgeln haben demnächst die Schüler mit ihrem Mentor einen großen Auftritt. Sie stellen im Kreis von Wissenschaftlern und Industrievorständen ihre bisherigen Erkenntnisse vor. Die besondere Atmosphäre von Schloss Bürgeln, sagt Armin Bäuerle, wirke wohltuend – gerade auch bei Gesprächen und schwierigen Verhandlungen. Nun hat er diesen Ort gewählt für einen „Tag der Information“, in dessen Mittelpunkt am 14. Juni zwölf Schüler der Georg-Kerschensteiner-Schule stehen. Vor Vertretern und Vorständen von großen Unternehmen, Kooperationspartnern von Steinbeis, ihrer Schuldirektorin Beate Wagner sowie der Müllheimer Bürgermeisterin Astrid Siemes-Knoblich und dem Schliengener Bürgermeister Werner Bundschuh halten elf Jungen und ein Mädchen kleine Vorträge oder demonstrieren technologische Neuheiten, in deren Entwicklung sie eingebunden sind. Und die noch große Kreise ziehen sollen.Sie sind integriert in einen fachlichen Erfahrungsaustausch, der ihnen Einblicke gibt in Technologien „auf absolutem Weltniveau“, wie Armin Bäuerle sagt. Als Mentor ist er unvergleichlich. Johannes Neumann, mit gerade mal 16 Jahren der jüngste der Zwölfer-Gruppe, ist begeistert von dem 72-Jährigen, der die Schüler vollkommen ernst nimmt, sie fordert und der ihnen seine reichen Erfahrungen und gewissermaßen auch die Steinbeis-Netzwerke zur Verfügung stellt mit dem Ziel, die Startbedingungen der Schüler in der Industrie zu verbessern. „Es gibt nichts Schöneres als Anerkennung“, so Bäuerle – und nichts Wichtigeres als eine mitreißende Motivation. Dafür will er auch die Eltern und noch mehr Schüler gewinnen.Begonnen hat das Projekt, das in eine Kooperation mit der Kerschensteiner-Schule gemündet ist, mit der Bitte eines Pfarrers, der Bäuerle für einen Vortrag über Technik und Ethik gewinnen wollte und konnte.

Zwölf Schüler zwischen 16 und 22 blieben am Ball. Mit ihnen hat der Mann, dessen Profession es ist, mit Partnern in Industrie und Wissenschaft innovative Technologien zu entwickeln, das Thema „Megatrends“ angeschnitten – nach dem Motto: „Wir tun mal so, als seien wir Vorstände von Großkonzernen, die daraus Entscheidungen für ihren wirtschaftlichen Erfolg ableiten müssen.“Gesagt, getan. Daraus entwickelten sich drei Arbeitsgruppen mit den Themen Assisted Growth (Pflanzkulturen), Energie sowie Licht und Ton. Dahinter verbergen sich für den Otto-Normalverbraucher geradezu unglaubliche Dinge, die es laut Bäuerle weltweit in dieser Ausführung sonst nicht gibt: Pflanzen, die im Stadium des Samenkorns umhüllt werden mit allem, was sie brauchen, um letztendlich ohne Pflanzenschutzmittel auszukommen; die Erfindung eines neuartigen Wärmetauschers aus der Binzener Firmengruppe Glatt/Hollomet, die eine Lampe mittels eines Hochleistungs-Dioden-Arrays in die Lage versetzt, das ganze Dreisamstadion auszuleuchten; Lautsprecherboxen so plan wie ein Holzbrett, dass sie sich in den Raum oder in ein schickes Möbel einbauen lassen, ohne zu stören, und von einer Klangqualität, die selbst bei voller Lautstärke noch Unterhaltungen ermöglicht; Illuminationen mit einer neuartigen planaren Dioden-Technik, die Exponate schattenlos schweben lassen und die sich nicht nur für Museen empfehlen.Das Müllheimer Steinbeis-Institut arbeitet bei diesen verschiedenartigen Entwicklungen mit dem Landwirtschaftlich-Technologischen Institut Augustenberg und seiner Niederlassung in Müllheim, der Möbel-Manufaktur Jonny B. in Laufen, und mit der Firma In-Akustik in Ballrechten-Dottingen zusammen. Ein weiterer Partner, der dank Steinbeis mit den Bereichen Solarthermie und Kleinwindkraft gerade einen Fuß nach Müllheim setzt und dabei mit der Firma Absolute zusammenarbeitet, ist das Unternehmen Serco/BetaTech. Ein bereits den Stadtwerken gelieferter Prototyp einer kleinen Solarthermieanlage soll den Schülern als Vorbild für Weiterentwicklungen und Verbesserungen dienen. Den innovativen Ansatz beschreibt Bäuerle so: „Wir kopieren nicht, wir versuchen, alles ein bisschen besser und anders zu machen.“Nicht zuletzt feiert Steinbeis im Kreis von 50 geladenen Gästen auf Bürgeln den Innovationspreis IT 2012, den die Firma Atlantik Elektronik zusammen mit dem Müllheimer Institut gewonnen hat. Ausgeschrieben wurde der Preis von der Bundesregierung und von IBM. Über eine „Evolution in der Energiegewinnung“, bei der Strom aus organischen Folien gewonnen wird, und die den Deutschen Zukunftspreis 2012 erhielt, spricht Professor Peter Bäuerle von der Uni Ulm, ein Cousin des Müllheimer Bäuerle, wie der gebürtige Schwabe inzwischen wohl genannt werden kann.

Steinbeis Transferzentrum

Die Steinbeis-Gesellschaft hat ihr Münchner Transferzentrum für Identifikationsmedien und Identifikationsmanagement STZ 584 Anfang 2003 nach Müllheim verlagert. Geleitet wird es von Diplomingenieur Armin Bäuerle. Dach des Steinbeis-Verbunds ist die 1971 ins Leben gerufene Steinbeis-Stiftung mit Sitz in Stuttgart. Die Gesellschaft mit weltweit mehr als 800 fachlich spezialisierten Instituten sowie Kooperations- und Projektpartnern in 50 Ländern hat es sich zur Aufgabe gemacht, zum praxisnahen Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft beizutragen.