Plattformen und Videokonferenzen

Schulen und Hochschulen müssen wegen Corona auf einmal ganz anders arbeiten

Von Stefanie Streif und Thomas Steiner. Erschienen am 13.04.2020 auf badische-zeitung.de

Die Schulen haben es schon hinter sich, die Hochschulen im Land haben es noch vor sich: Die Umstellung auf komplett digitales Lehren und Lernen. Wie lief es, wie soll es laufen?

Vor vier Wochen musste sich das Bildungswesen im Land komplett umstellen: Schulen und Hochschulen wurden geschlossen, es blieben nur Unterricht und Lehre per Computer. Kommt nun der Schub für die Digitalisierung der Bildung? Gefordert wird sie schon lange, weil Schüler und Studenten eh mit dem Digitalen vertraut sind – und weil es neue Möglichkeiten der Wissensvermittlung bietet.

In den Schulen lernen Lehrer das E-Learning

Um den Unterricht trotz Corona am Laufen zu halten, wurde in den vergangenen Wochen an weiterführenden Schulen viel mit digitalen Lernformen experimentiert. Auch Lehrkräfte, die sich vom E-Learning bislang ferngehalten hatten, nötigte das Virus, Lern-Apps auszuprobieren, Erklärfilme zu produzieren oder sich mit ihren Schülern über Lernplattformen und in Videokonferenzen auszutauschen.

Patrick Bronner ist Lehrer am Freiburger Friedrich-Gymnasium (FG) und Experte in Sachen digitaler Unterricht. Er meint: „Zum ersten Mal merken Schüler, Lehrer und Eltern, was Technik beim Unterrichten alles vermag. Das hat einen enormen Schub gegeben.“ Anders als andere Schulen verfügt das FG aber auch über die nötige Infrastruktur. Schon vor Corona gab es auf dem Schulserver Cloud, Mail, Chat und Videokonferenz. „Genutzt wurden diese Tools von rund 25 Prozent der Lehrkräfte“, sagt Bronner, „jetzt sind es 100. Und plötzlich haben wir auf dem eigenen Server 800 Geräte parallel angemeldet.“

Sein Kollege Steffen Jahnke, Musiklehrer, sagt, er sei kein Digital-Freak: „Ich habe nicht einmal ein Smartphone.“ Sein Lehrer-Tablet habe er auch schon vor Corona zu Unterrichtszwecken genutzt, etwa um virtuelle Tafelbilder per Beamer an die Wand zu werfen. In den letzten drei Wochen aber hat Jahnke Neues ausprobiert. Er ist davon überzeugt, dass er manches auch in Zukunft anwenden wird – etwa Diagnose-Werkzeuge wie Kahoot! oder Socrative, mit denen sich der Wissensstand der Klasse über Lehrer-Tablet und Schüler-Smartphones binnen Minuten abfragen lässt.

Auch Beate Wagner, Schulleiterin der Gewerblichen und Kaufmännischen Schulen in Müllheim, glaubt an einen Digitalisierungsschub. Ihre Schule habe schon früh auf digitale Technik gesetzt. „Die Hälfte der Schüler nutzt ein Tablet“, sagt sie. Ihre Idee für die Zukunft: Einen Lernplan für jede Klasse auszutüfteln und samt Materialien und Aufgaben online zu stellen, so dass jeder Schüler weiß, bis wann er was zu erledigen hat und asynchron gelernt werden kann – jeder in seinem Tempo und zu seiner Zeit. In manchen Klassenstufen passiere das bereits.

Eine Schule, in der solches digitales Lernen bereits Alltag ist, ist die Alemannenschule in Wutöschingen (Kreis Waldshut). Anstelle von Mathebuch oder Deutschheft holen die Schüler dort morgens ihr Tablet heraus – und lernen selbstständig. Darum konnten die Schüler trotz der Schulschließung bequem weiterlernen. Nur eben zu Hause. Was nicht heißt, dass die Lehrer frei hatten. „Ich hatte täglich Kontakt zu meinen Schülern“, sagt Lehrer Valentin Helling.

Er habe Gelingensnachweise schreiben lassen, Schüleraufgaben korrigiert und immer wieder nachgefragt, wie es so gehe. Begleitend hat er auch noch digitale „Challenges“ kreiert: Seine Schüler sollten etwa mit Hilfe eines Green-Screen und einer Video-App exotische Tiere durch ihre Ortschaft spazieren lassen. Vorgaben machte Helling dazu kaum. „Die Schüler sollten selbst herausfinden, wie das funktioniert.“ Mit solchen Tools – Werkzeugen – umgehen zu können, auch das ist Bestandteil des digitalen Lernens.

Die Hochschulen bereiten sich auf Distanzlehre vor

An der Universität Freiburg ist der Beginn des Sommersemesters vom 20. April auf den 11. Mai hinausgeschoben worden. Niemand rechnet aber damit, dass dann alle Beschränkungen aufgehoben sind. So wird es vorerst keine Seminare und Vorlesungen mit „Präsenzlehre“ geben, stattdessen digitale „Distanzlehre“. Die Lehrkräfte bereiten sich darauf vor, angeleitet von der Abteilung E-Learning des Rechenzentrums. Schon mehr als tausend Lehrende, sagt Nicole Wöhrle, Leiterin der Abteilung, nahmen an ihren „Webinaren“ teil.

Am simpelsten ist es, Vorlesungen umzuformen. So kann etwa die dazugehörige Power-Point-Präsentation vertont und auf die Lernplattform der Universität gestellt werden. Oder die Professorin nimmt sich zu Hause per Smartphone oder Kamera beim Vortrag auf. Für ganze Kurse hat Wöhrles Abteilung Vorlagen bereitgestellt – mit Formaten für „Lernpakete“, Arbeitsanweisungen und „Einreichungsaufgaben“, welche die Studierenden in einer bestimmten Frist erledigen müssen.

An der Hochschule in Offenburg wird die Lehre schon seit 15 Jahren „online gestützt“, berichtet Andreas Christ, Professor für Nachrichtentechnik und Prorektor für Forschung. Vor allem für Vorlesungen oder Brückenkurse, die Anfänger auf den notwendigen Stand fürs Studium bringen. Nun ist das Digitale zum Hauptmedium geworden. Der Semesterbeginn ist in Offenburg vom 16. März auf den 20. April verschoben worden, die digitale Lehre ist aber schon breit aufgenommen worden, nachdem neue Software-Lizenzen und Server-Kapazitäten besorgt waren. Die werden etwa benötigt für Videokonferenzen von Dozenten mit den Studierenden. So zu lehren und zu lernen, sei anders als sonst, sagt Christ, „aber wenn die Spielregeln klar sind, gewöhnt man sich um“.

Solche Lehrformen will auch die Universität Freiburg nutzen, etwa für Sprachkurse. Optimal seien virtuelle Seminarräume für bis zu 20 Leute, meint Nicole Wöhrle. Es gehe auch mit bis zu 60, aber da brauche der Dozent „vertiefte Kenntnisse“ fürs Steuern der Veranstaltung.

An der Technischen Fakultät, in Medizin und Biologie sei digitale Lehre schon bisher breiter genutzt worden, sagt Juliane Besters-Dilger, Prorektorin für Studium und Lehre. Die Professorin hofft, dass weitere Kollegen nun „Geschmack finden“ daran. „Blended Learning“, das Mischen von Präsenz- und Distanzlehre, sei ideal für eine Studierendenschaft, die zusehends heterogener werde. Asynchrones Lernen bietet sich auch hier an. Die Anstrengung, die Lehre innerhalb weniger Wochen ganz zu digitalisieren, könnte sich längerfristig lohnen.