Theaterprojekt mit Flüchtlingen

Nicht reden, einfach machen

Der Theaterpädagoge Uwe Fröhlich besucht Integrationsklassen und Flüchtlingsunterkünfte / Weitere Sponsoren gesucht.

Sa, 30. April 2016
Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.
von: Julia Jacob
Theaterprojekt mit Flüchtlingen Foto: Julia Jacob

Theaterprojekt-Fluechtlinge

MÜLLHEIM. Es braucht nicht viel, damit die jungen Eritreer, Kosovaren und Gambier aus sich herauskommen. Uwe Fröhlich dreht den Regler an seinem Laptop hoch. Michael Jackson singt „They don’t care about us“. Sofort kommt Bewegung in die internationale Schülergruppe, die an der Georg-Kerschensteiner-Schule, die Berufsvorbereitungsklasse besucht, die VABO. Das „O“ steht für „Ohne Deutschkenntnisse“.
„Die Menschen sollen zeigen können, was in ihnen steckt“, sagt Uwe Fröhlich über sein neuestes Projekt. Der Theaterpädagoge, der seit 1997 das Theater Creativo leitet, will die aktuelle Flüchtlingssituation als Chance verstanden wissen. Für die, die kommen, und die, die schon da sind. „Die Menschen, die zu uns kommen, bringen Sachen mit, die wir nicht haben“, ist er überzeugt. „Sie sind oft wacher, sensibler im Zwischenmenschlichen und verfügen über einen immensen inneren Reichtum“, berichtet er von seinen Erfahrungen, die er mit seinen Projekten in den letzten Monaten gesammelt hat. Seine Workshops bietet Fröhlich in der Flüchtlingsunterkunft in Eschbach, an der Müllheimer Rosenburgschule und an der Georg-Kerschensteiner-Schule an. Anfangs gab es noch nicht einmal ein Finanzierungsmodell. „Ich habe einfach angefangen“, erzählt der Theatermann. Mittlerweile hilft etwa der Lions Club, im Gespräch ist Fröhlich auch mit dem Stadtjugendreferat. Weitere Unterstützer sind willkommen. Uwe Fröhlich will die Projekte längerfristig angelegt wissen.

Der Lernprozess geht in beide RichtungenTheaterprojekt-Fluechtlinge-2

Dass das Angebot gut ankommt, zeigt sich in der Klasse von Julia Müller. Die Lehrerin, die an der Georg-Kerschensteiner- Schule Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, sieht das Theaterprojekt als wertvolle Ergänzung. Aus dem Spielerischen heraus wird die deutsche Sprache hier für die Jugendlichen im Alter von 16 bis 19 Jahren zum Kommunikationsmittel der Wahl. Anfang des Jahres konnten sich die 26 Schüler aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern kaum verständigen, noch nicht einmal auf Englisch. Jetzt treten die Schüler selbstbewusst einer nach dem anderen aus dem Kreis heraus, nennen ihren Namen und erzählen, wo sie herkommen. In dieser Stunde kommt noch ein weiterer Baustein hinzu. „Jetzt könnt ihr sagen, was ihr gerne macht“, leitet Uwe Fröhlich die Gruppe an: Cricket, Basketball, Musik, Lesen. Die Bandbreite der Interessen ist groß.

Doch die Übung ist nicht nur Spaß. Die Schüler proben für den großen Auftritt: Die Abschlussveranstaltung des Präventionsprojekts „Müllheim macht stark“. Darauf sind die Schüler stolz. Sie wollen zeigen, was sie können. Uwe Fröhlich betrachtet den öffentlichen Auftritt auch aus dem Blickwinkel des Publikums. „Die Menschen hier bekommen so auch einen Einblick in eine andere Welt.“ Für ihn steht fest: „Der Lernprozess geht in beide Richtungen“. Nicht in allen Gruppen hat Fröhlich derart leichtes Spiel. Oft sei es schwierig überhaupt Zugang zu den Menschen zu bekommen, erzählt er. Nur wenige stellen sich alleine hin. Auch das Miteinander von Männern und Frauen ist mitunter ein Thema, das bei den Treffen offenkundig wird. Hinzu kommen soziale Konflikte, die die Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen in den Unterkünften austragen. Hinzu kommt die Ungewissheit, wie es für die Menschen weitergeht. Das Theaterprojekt ist auch hierfür ein Ventil. „Da bricht viel auf“, sagt Uwe Fröhlich. Und: „Wenn man Glück hat, kommen die Menschen aus sich heraus“. Einen therapeutischen Ansatz verfolgt der Theatermann aber nicht. Traumabewältigung sei nicht das Ziel des Projekts, betont er. „Das liegt außerhalb meiner Kompetenz“.Theaterprojekt-Fluechtlinge-3
Dennoch kommt vieles, was die Flüchtlinge beschäftigt, in den Workshops zur Sprache. Nicht unbedingt verbal. Oft wird das, was bewegt auch einfach nur in Bewegung umgesetzt. „Weg vom Denken, einfach machen“, ist ein Grundsatz, den Uwe Fröhlich zu vermitteln versucht. Niemand muss mitmachen, jeder kann. Und das klappt erstaunlich gut, vor allem, wenn Musik und Tanz auf dem Programm stehen. „Das ist immer ein Türöffner“.